Sechs Prozent
„Um sechs Prozent muss ein Unternehmen seine Produktivität jährlich steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben!“
Diese Aussage stammt von Wolfgang Bernhard, der jetzt zum Einkaufsvorstand bei Daimler bestellt wurde. Damals war er Vorstandsmitglied bei Volkswagen. Wolfgang Bernhard ist mir damit so lebhaft in Erinnerung geblieben, wie kaum ein anderer Manager in Deutschland.
Sechs Prozent Produktivitätszuwachs p. a. – irre! Irr?
Vielleicht irre ich mich ja. Jedenfalls habe ich mir versucht vor Augen zu halten, was das bedeutet, sechs Prozent mehr Produktivität p. a. Angenommen ein Automobilunternehmen produziert im Jahre 0 mit 1000 Leuten 30.000 Autos. Wenn man mit diesen sechs Prozent plus rechnet, wären das im Jahre 1 genau 31.800 Autos, im Jahre 5, also am Ende eines gewöhnlichen Vorstandsmandats, 40.146 Autos.
Schön und gut. Allerdings gibt es da ein paar praktische Herausforderungen. Die größte: Diese Autos muss man – in Zeiten wie diesen, also in Zeiten schrumpfender Märkte – erst mal verkaufen. Man kann natürlich auch bei den 30.000 Fahrzeugen im Jahr bleiben, dann aber muss man die Zahl der Leute reduzieren, d. h. im Jahre 5 brauchen wir nur noch 748 Leute. Bei einem großen Automobilwerk bedeutet das alle fünf Jahre eine Massenentlassung, falls es mit dem Verkaufen nicht hinhaut. Man kann auch weiterhin die 1000 Leute 30.000 Autos bauen lassen, dann aber zu erheblich reduzierten Arbeitszeiten. Dies will das Management in Regel ja schon gar nicht.
Ausnahme war ausgerechnet Wolfgang Bernhards früherer Arbeitgeber Volkswagen, der eine Zeit lang die Vier-Tage-Woche praktizierte. Eine Herausforderung ist auch die Antwort auf die Frage, wem eigentlich der Produktivitätszuwachs „gehört“. Den Arbeitern? Dem Management? Den Eignern?
Eine klare Antwort haben nur die Gewerkschaften, die nicht zögern, Produktivitätsfortschritte gleich in Lohnforderungen umzumünzen. Richtig ist das nicht unbedingt, denn auch das Management hat in der Regel seinen Anteil am Produktivitätszuwachs.
Auch der Einkauf. Wolfgang Bernhard kann jetzt zeigen, wie Produktion und Einkauf künftig aussehen. Jedenfalls bei Daimler. Seine früher als Ziel gesetzten sechs Prozent sind allerdings schon wieder überholt. Von Volkswagen. Die wollen jetzt zehn Prozent!
Ihr Daniel Zabota
Chefredakteur Beschaffung aktuell
