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Münchhausen und der Ölsumpf

Dem so genannten Baron Münchhausen, der ja bekanntlich auf einer Kanonenkugel fliegend, feindliche Stellungen inspizierte, werden weit über hundert Lügengeschichten zugeschrieben, obwohl man nur von vieren mit Sicherheit weiß, dass er sie tatsächlich erzählt hat.
Ja, so geht das. Kaum hat man ein bisschen geflunkert (was sind heute schon vier Lügengeschichten, soviel produziert eine gute PR-Agentur am Tag) – schon hat man seinen Ruf weg und die Leute schieben einem alles Mögliche in die Schuhe.
So geht das auch BP, dem Ölkonzern, dessen Kürzel ja bekanntlich für „Beyond Petroleum“ steht. Was der Konzern den Leuten mit einer PR-Kampagne zumindest weismachen wollte. Bei Münchhausen stimmte übrigens immerhin der Name.
Die neueste und beste Geschichte, die möglicherweise dem Ölkonzern in die Schuhe geschoben werden könnte, ist die vom Supertanker, der verschmutztes Meerwasser aufsaugt, das Öl abscheidet und sauberes Wasser wieder ausscheidet
(Foto siehe hier ).
A Whale – so heißt der Supertanker, also Walfisch, wie jene Tiere, die jetzt wegen des Öls zu tausenden verenden – soll pro Tag 80 Mio. Liter verdreckten Wassers aufnehmen und es vom Öl trennen, so zitiert die Financial Times Deutschland eine Sprecherin der US-Küstenwache. Ob sie tatsächlich „verdreckt“ gesagt hat können wir auf die Schnelle nicht nachprüfen. Es würde uns aber schockieren, immerhin galt dieser „Dreck“ bisher als ein wertvoller Rohstoff.
80 Millionen Liter Wasser pro Tag also. Auf dieser Zahl schwimmt unser Zweifel wie eine dicke Schicht Öl. Und dafür gibt es drei Gründe.
Erstens müsste der Supertanker immer auf einer Wasserlinie liegen, damit das Wasser durch die schmalen Schlitze in den Schiffsbauch strömen kann – wenn Sie diese Darstellung einer Landratte nachvollziehen können. Mit jedem Kubikmeter aufgenommenen „Dreckwassers“ bekommt das Schiff einen größeren Tiefgang, ebenso mit jedem gewonnenen Barrel Öl. Der Tiefgang müsse also zum Beispiel mit (natürlich reinem) Ballastwasser immer auf demselben Niveau gehalten werden. Was wir den Taiwanesen, denen das Trum gehört und die BP ja nur eine Dienstleistung anbieten, durchaus zutrauen.
Zweitens: Rechnen Sie mal nach! Die kontaminierte Wasserfläche beträgt 202.491 Quadratkilometer (exakte Fläche der Fishery Closure Area der US-Behörden vom 4. Juni, entspricht etwa 32 Prozent des gesamten Golfs von Mexiko). Angenommen, das Öl schwimmt in einer Tiefe bis zu einem Meter, jedenfalls oben, dann sind das über 2,02 Mrd. Kubikmeter mit jeweils 1000 Liter Wasser…
Na, wie lange bräuchte dann der schwimmende Rieseneisenwalfisch?
Ich komme auf knapp sieben Jahre, wobei nicht berücksichtigt wurde, dass a) ständig neues Öl ins Meer fließt und b) dass sich einigen Wissenschaftlern zufolge in größeren Tiefen schwimmende Ölblasen gebildet haben.
Drittens: Das von dem Supertanker gereinigte Wasser fließt wieder zurück in den Golf. Was nicht bedeutet, dass das Schiff reinstes Kielwasser hinter sich herzöge. Das saubere Wasser fließt nur zurück in das „Dreckwasser“ (Zitat: US Coast Guard) und verdünnt dieses. Vermutlich wird es auf diese Weise ewig und drei Tage dauern, bis die Ölkonzentration auf ein für Meereslebewesen verträgliches Maß sinkt.
Verträglich könnte das aber für die taiwanesischen Reeder sein, die ihr Schiff auf Zeit an BP vermieten wollen.
So gesehen erscheint es mir fraglich, ob sich BP mit Hilfe eines ominösen Supertankers am eigenen Schopfe aus dem Ölsumpf ziehen kann.
Der Autor wird demnächst, auf einer zusammen gerollten Ausgabe von Beschaffung aktuell (man sieht die Vorteile gedruckter Medien) fliegend, die Ausbreitung des Ölteppichs im Golf von Mexiko inspizieren und über eventuelle Reaktionsmöglichkeiten für den Einkauf nachdenken.

Ihr Daniel Zabota
Chefredakteur Beschaffung aktuell


Übrigens

Mammon

Ausgerecht die Kirchen! Die Top-Nachricht auf Seite 6 der neuen Beschaffung aktuell (Juni-Ausgabe) hat mich nachdenklich gestimmt: Die Evangelische Studiengemeinschaft hat mit einer Befragung festgestellt, dass sich das Beschaffungswesen der Kirchen hauptsächlich am Preis orientiert. Man schaut aufs Geld, den Mammon, und da frage ich mich, ob man nicht wenigstens in den Kirchen etwas mehr Gott und weniger Mammon dienen könnte.
Die Studie bezieht sich auf evangelische Einrichtungen, vielleicht sieht es ja wenigstens bei den Katholiken besser aus.

Sicher ist, dass es in so manchem Industriebetrieb besser aussieht. Der Preis ist für Industrieeinkäufer nur eines von vielen Kriterien. Produktqualität, Innovation und Liefertreue, um nur drei Beispiele zu nennen, spielen bei der Lieferantenauswahl ebenfalls eine wichtige Rolle. Nun sind Unternehmen nicht im Grundsatz besser als die Kirchen. Viele Industriebetriebe orientieren sich an ökologischen und sozialen Kriterien weil sie damit ganz profan Energie oder Kraftstoff einsparen können. Und: Wenn Unternehmen mit Umweltverschmutzung oder Einsatz von Kinderarbeit ihren Ruf verspielen, wirkt sich das oft auch auf den Absatz aus. Zudem können Unternehmen aus rechtlichen Gründen (Produkthaftung) in Teufels Küche kommen, wenn sie gewisse Standards nicht einhalten.

Ob Kirchen in Teufels Küche kommen können, weiß ich nicht. Hienieden, also auf Erden, darf man von den Kirchen allerdings schon etwas mehr erwarten.
Ich erwarte ein klares Bekenntnis zu ökologischen und sozialen Kriterien im Einkauf. Angesichts des riesigen Beschaffungsvolumens allein der evangelischen Einrichtungen (60 Mrd. Euro) könnten die Einkäufer der Kirchen hier wirklich etwas bewegen.
Darüber hinaus geht es darum, ein Beispiel zu geben. Steht nicht geschrieben „Ihr seid das Salz der Erde?“. Ich frage mich auch, womit man salzen soll, wenn das Salz schal wird.

Daniel Zabota
Chefredakteur
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