Login
Übrigens

Fehrenbachismus

Dem Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, gehört der Karlspreis verliehen. Den soll angeblich erhalten, der sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht hat. Hier, wie immer, eine bessere Idee: Wir werden eine wirtschaftspolitische Denkrichtung nach diesem Manne benennen – den Fehrenbachismus.

Im Gegensatz zu anderen Ideologien lassen sich die Ziele des Fehrenbachismus kurz und knapp darstellen: Ein einiges, demokratisch legitimiertes integriertes Europa; den Euro als wirtschaftliche Basis; Verbot von Finanztransaktionen, die nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben.

Das ist der Weg in eine Zukunft, die weit weniger krisenanfällig ist. Die größte Krisengefahr geht derzeit nämlich von den Finanzmärkten, besser von Spekulanten aus. Ein großes Nachrichtenmagazin hat kürzlich dargestellt, dass das Weltsozialprodukt, also der Wert aller Güter und Dienstleistungen, rund 60 Billionen USD beträgt (2010), das Volumen aller Währungsgeschäfte, Derivate etc. aber über 900 Billionen USD. Kein Wunder, dass Spekulanten so großen Schaden anrichten können, aber keinen Nutzen bringen.

Ohne Spekulanten würde auch Griechenland kaum Anlass zur Sorge geben. Franz Fehrenbach stellt klar, dass Griechenland Teil der Eurozone ist. Eine klare Absage an alle Drachmen- und Pesetenträumer. Sie glauben, das Abwerten einer Währung stelle die Wettbewerbsfähigkeit wieder her. Das würde bedeuten, dass der Einkauf endlich wieder griechische Lieferanten für Werkzeugmaschinen, Automobile und U-Boote findet (siehe auch „ Übrigens: Greece-Sourcing und Normalo"). Fehrenbach drückt aus, was offensichtlich ist: Eine Industrienation werden die Griechen nie.

Dafür aber, wenn ich ergänzen darf, haben sie andere Potenziale (z. B. Kraftwerke, maritime Logistik, Tourismus). Keine Werkzeugmaschinen, Fahrzeuge, U-Boote aber dafür mehr Sonne und mehr Inseln als Deutschland. Kurz, der schöne Süden Europas.

Dieses Europa könnte noch besser dastehen. Überfällig ist längst ein neuer Anlauf für eine einige, demokratisch legitimierte Union. Wie wäre es mit einer Verfassung? Idealerweise in Latein? Mit einem richtigen Parlament? Mit einem politischen Oberhaupt? Mit einer Hymne? Mit einer Armee? Mit einer Fußballmannschaft?

Ob nun das mit dem Karlspreis eine gute Idee ist, sei mal dahingestellt. Bisher ist der Preis nur an Politiker gegangen, darunter die größten Euroskeptiker, Euroverhinderer und Euroverweigerer, zum Beispiel Merkel, Blair und Churchill. Dagegen ist der Fehrenbachismus wirklich prima.

08.09.2011


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe