- Die European Business School (EBS) in Wiesbaden hat zum 1. Januar dieses Jahres eine Professur zum Thema „ Nachhaltigkeit in Logistik und Supply Chain Management" eingerichtet, die vom Logistikdienstleister Dachser unterstützt wird. Als Juniorprofessorin wurde Dr. Julia Wolf berufen.
Nachhaltigkeit in der Logistik und im Supply Chain Management
Viele Unternehmen beachten nicht, dass Nachhaltigkeit viel mehr ist als nur Umweltschutz. Es geht auch darum, soziales Engagement zu zeigen und sich für die gesellschaftlichen Entwicklungen einzusetzen. Dies tut die Firma Dachser auf vielfältige Weise. Das Unternehmen engagiert sich zum Beispiel für die Schulbildung von benachteiligten Kindern in Indien. Die Stiftung der Professur an der EBS ist ein weiterer Ausdruck dieses Engagements und leistet damit gleich zweierlei: Zum einen einen Beitrag für die Entwicklung unserer Gesellschaft, zum anderen über die fachliche Ausrichtung einen inhaltlichen Beitrag für die Entwicklung der Nachhaltigkeit in der Logistik. Für die wissenschaftliche Arbeit bietet das Unternehmen Dachser viele wichtige Anknüpfungspunkte: Für Fragen nach der optimalen Nachhaltigkeitsstrategie über das beste Service-Portfolio bis hin zur Frage, wie Mitarbeiter auf Nachhaltigkeit eingeschworen werden können, die konkreten Prozesse gestaltet werden sollten, bietet uns Dachser direkte Unterstützung und damit Forschungsmöglichkeiten.
Das „Sustainability-Team" am Supply Chain Management Institute (SMI) der EBS umfasst neben Julia Wolf derzeit einen Post-Doktoranden und einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, die sich ausschließlich mit Fragen der Nachhaltigkeit in der Logistik und im Supply Chain Management auseinandersetzen. Darüber hinaus interessieren sich viele andere Wissenschaftler des Instituts für den Themenbereich und engagieren sich in einzelnen Projekten. All diese Aktivitäten wurden daher in einer Forschungsgruppe zusammengefasst.
Das Thema an der European Business School zu platzieren lag dabei auf der Hand. Zum einen verfügt die EBS mit dem SMI über das größte wissenschaftliche Institut in Einkauf, Logistik und Supply Chain Management in Europa, zum anderen steht sie für praxisbezogene Forschung. Dies bedeutet, dass Forschung auf praxisrelevante Fragen Antworten sucht – natürlich unter Beachtung internationaler Qualitätsstandards. Außerdem zielt die Lehre an der EBS darauf ab, kritisch denkende und verantwortungsbewusst handelnde Persönlichkeiten auszubilden. Dieses Ziel geht konform mit den Zielen und Wertvorstellungen von Dachser. Beide Partner ergänzen sich demnach hervorragend.
Julia Wolf passt aufgrund ihrer interdisziplinären, internationalen akademischen und praktischen Erfahrung gut auf das Profil der Professur. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Supply Chain Management und Strategisches Management und verfügt darüber hinaus über einen Master of Arts in Sozial- und Geisteswissenschaften. Somit verknüpft sie wirtschaftliches Denken mit ethischen und moralischen Reflexionen. Frau Wolf hat sich schon früh auf Supply Chain Management spezialisiert und verfügt in dem Feld über langjährige wissenschaftliche und praktische Erfahrung, die sie auch in den internationalen wissenschaftlichen Diskurs einbringt.
Mit der Einrichtung der Professur reagiert die EBS nicht auf einen kurzfristigen Trend, der mit dem Abklingen der Wirtschaftskrise riskiert, morgen passé zu sein. Im Gegenteil: Die Knappheit wichtiger Ressourcen (Wasser, Öl, Agrarflächen, Energie etc.) wird zunehmen ebenso wie der globale Kampf um diese knappen Güter – mit Wirtschaftskrise oder ohne. Auf die Herausforderungen, die auf uns zukommen werden, müssen wir schon heute Antworten finden. Logistik und Supply Chain Management spielen dafür eine ganz besonders wichtige Rolle, da diese Funktionen einerseits Treiber vieler der geschilderten Verknappungsprozesse sind, andererseits aber auch aufgrund ihrer weltweiten Vernetzung vonseiten der Wirtschaft viel bewegen können. Der Kernzweck der Betriebswirtschaftslehre ist es doch, mit knappen Gütern optimal zu wirtschaften. Im Zuge der Globalisierung hat sich der Begriff des „Optimalen" ausgeweitet und meint nun nicht länger ein lokales Optimum, sondern ein „ Globales". Die BWL hat in den vergangenen Jahren ihren Zweck zugunsten des Gewinnmaximierungsprinzips aus den Augen verloren. Von daher ist der Zeitpunkt für die Einrichtung einer solchen Professur ideal und zukunftsweisend!
Im Bereich der Forschung beschäftigt sich das Team um Wolf beispielsweise mit der Frage, wie Nachhaltigkeit im Bereich der Logistik quantifiziert werden kann. Nachhaltigkeit wird oftmals als rein ökologische Nachhaltigkeit verstanden und in der Logistik häufig beinahe ausschließlich mit CO2-Emissionen gleichgesetzt. Der Begriff ist jedoch viel breiter aufzufassen: Nachhaltigkeit meint einen Dreiklang aus ökonomischen, ökologischen und sozialen Zieldimensionen. Daher untersuchen die Wissenschaftler der EBS, über welche Kennzahlen diese drei Dimensionen in der Logistik quantifiziert werden können und erheben den Status quo. Erst die damit erzielte Transparenz wird es ermöglichen, Ziele und Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit in dieser Branche festzulegen.
Ein zweites Forschungsvorhaben setzt sich mit der Implementierung von Nachhaltigkeit in globalen Wertschöpfungsketten produzierender Unternehmen auseinander. Ziel dieses Projektes ist es, zu identifizieren, wie diese Wertschöpfungsketten gestaltet sein müssten, um Nachhaltigkeit über Unternehmensgrenzen hinweg zu realisieren. Viele der Probleme, über die regelmäßig in den Medien berichtet wird, wie zum Beispiel Sklavenarbeit in Afrika oder Kinderarbeit in Asien haben ihren Ursprung nicht bei uns in den modernen Industriestaaten. Diese treten in Ländern mit anderen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen auf. Relevante Fragen lauten daher: Woher können wir überhaupt wissen, was wo passiert? Wie kann man derartige Probleme erkennen und adäquate Maßnahmen definieren? Aber auch: Haben wir überhaupt das Recht dazu, die Einhaltung derartiger Regeln einzufordern? Gibt es so etwas wie „universelle Werte" oder müssen wir einfach damit leben, dass Kinderarbeit anderswo zum Alltag gehört? Dies alles sind Fragen, mit denen sich das Team gemeinsam mit Forschern aus anderen Disziplinen wie beispielsweise Ethik und Philosophie auseinandersetzt.
In der Lehre hat sich die EBS ebenfalls sehr ehrgeizige Ziele gesetzt. Das Thema Nachhaltigkeit wird nicht nur in einem Fach, also in der Logistik und im Supply Chain Management aufgegriffen. Es ist im Gegenteil als Querschnittsthema über alle klassischen Fächer der Betriebswirtschaftslehre gelegt. Im Bereich des Strategischen Managements lernen Studierende der EBS zum Beispiel, wie eine Nachhaltigkeitsstrategie definiert und unternehmensweit implementiert wird, während im Accounting gelehrt wird, in welcher Form am besten über Nachhaltigkeit berichtet wird. Gleichzeitig werden spezielle Vorlesungen entwickelt, wie beispielsweise „Sustainability Along Global Value Chains", die erstmals im Master for Automotive Business Studies ab 2011 angeboten wird. Besonderer Wert wird auf die Ausbildung von Persönlichkeiten gelegt: Die Studierenden sollen in erster Linie lernen, das Bestehende kritisch zu hinterfragen und offen für neue Wege zu sein.
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