- Wer hat die aktuelle Weltwirtschaftskrise verursacht? Natürlich die Manager mit ihren riskanten Spielchen – sagt der Volkszorn. Was sagt die Wissenschaft?
Wie sehr lieben Einkäufer das Risiko?
Immer noch macht an Stammtischen, in Kabinettsrunden und Zeitungskolumnen die Saga von den Hasardeuren im Management die Runde: Weil Manager zu viel Risiken eingegangen sind, haben wir jetzt die Weltwirtschaftskrise. Forscher des Supply Chain Management Institutes (SMI) der EBS untersuchten diesen Vorwurf: Wie sehr lieben Manager im Allgemeinen und Einkäufer im Besonderen das Risiko? Keine triviale Frage.
Wenn es sich um eine triviale Frage handeln würde, hätten die Forscher die 130 beteiligten Manager aus zwölf Industrieunternehmen auch direkt nach ihrer Risikoneigung fragen können. Doch bei so einer komplexen Frage führen Befragungen zu keinem validen Ergebnis. Die Risikoneigung eines Menschen lässt sich nur in Experimenten bestimmen. Das SMI ließ deshalb die beteiligten Manager im Dienste der Wissenschaft um reales Geld „ spielen" – genauer gesagt: Sie mussten eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, aus denen die Forscher dann die Risikoneigung der Manager errechnen konnten. 92 der beteiligten Manager waren zur Zeit des Experiments im Strategischen Einkauf tätig, 38 in Fachabteilungen wie Finance & Controlling, Marketing & Sales, Forschung und Entwicklung und anderen. Ein Experiment mit Managern? Wie lief das ab?
Jeder Manager bekam zu Beginn des Experiments 40 Euro auf die Hand. Jede Entscheidung, die er dann treffen musste, zog potenzielle Verluste nach sich. Diese Verluste mussten die Teilnehmer aus ihren 40 Euro bestreiten. Dabei war jede risikobehaftete Entscheidung ein Trade-off zwischen einem hohen Verlust mit geringer Wahrscheinlichkeit und einem kleinen Verlust mit hoher Wahrscheinlichkeit. Sozusagen ein kleines Dilemma. Für welche Seite des Dilemmas sich ein Manager bei vielen Durchläufen entscheidet, gibt statistisch valide Auskunft über sein Risikoverhalten. Um die Ergebnisse dann auch auf das Alltagsgeschäft von Einkäufern zu übertragen, wurde das Experiment noch einmal wiederholt. Bei der Wiederholung mussten die Manager sich direkt für Lieferanten mit unterschiedlichen Risikoprofilen entscheiden. Wie riskant entschieden sie dabei?
Sind Einkaufsmanager anders?
Um es vorweg zu nehmen: Die Ergebnisse des Experiments sind eine herbe Enttäuschung für alle, die Managern gerne und laut die Schuld an der Weltwirtschaftskrise geben. Manager lieben das Risiko nicht. Im Gegenteil. Alles in allem erwiesen sich die Teilnehmer am Experiment sogar als leicht risikoavers, also dem Risiko abgeneigt. Betrachten wir die Ergebnisse im Einzelnen.
Es wird viele überraschen, doch die am Experiment beteiligten Manager zeigten keine wilde, ungezügelte Gier nach Risiko, sondern im Schnitt eine moderate Risikoabneigung. Diese teilen sie mit anderen Menschen. Der „normale" Manager unterscheidet sich also vom „normalen" Menschen in diesem Punkt nicht. Auf jeden Fall nicht annähernd stark genug, um die aktuelle Managerhetze zu rechtfertigen. Trifft das auf alle Manager zu? Oder ist die Untergruppe der Einkaufsmanager eventuell von einem anderen Menschenschlag, wie böse Zungen gerne behaupten?
Der Flurfunk kolportiert gerne Unterschiede zwischen Managern von Fachabteilungen und Managern im Einkauf. Mal werden die einen als „Spieler" bezeichnet, mal werden die anderen als „ erzkonservativ" stigmatisiert. Was davon trifft zu? Das SMI-Experiment zeigt: Nichts. Die Forscher fanden keinen Unterschied in der Risikoneigung unterschiedlicher Funktionen im Unternehmen. Alle Manager sind im Allgemeinen leicht risikoavers – wie jeder Mensch. Alle Menschen gehen lediglich moderate Risiken ein – für alle anderen Fälle gibt es Versicherungen.
Was die Öffentlichkeit vielen Managern vorwirft, konnte das Experiment nicht belegen: Dass Manager nicht zwischen Gewinn oder Einsparungen und damit verbundenen Kosten unterscheiden können, wenn es ums Risiko geht. Manager gehen vielmehr nur dann verstärkt Risiken ein, wenn sie sicher sind, dass die damit verbundenen Kosten sich innerhalb ihrer Erwartungen bewegen.
Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einem Referenzpunkt. Im Einkauf kann ein Budget als so ein Referenzpunkt interpretiert werden. Wenn Verluste gegenüber dem Referenzpunkt im Raum standen (also drohende Budgetüberschreitungen), dann behielten die Manager ihre leichte Risikoaversion bei. Nur wenn sie sich sicher waren, dass sie Gewinne zum Beispiel in Form von zusätzlichen Einsparungen gegenüber dem Budget erzielen können, dann gingen sie deutlich mehr Risiko ein. Auch das leuchtet unmittelbar ein und ist absolut unverträglich mit den kursierenden Horrorstorys zum Thema Manager und Risiko. Bei näherer Betrachtung entdeckten die Forscher dann aber doch einige Denkwürdigkeiten im Einkauf.
Risikofreudige Einkäufer und übervorsichtige Chefs
Als die Forscher das Risikoverhalten der beteiligten Einkaufsmanager untersuchten, konnten sie die bereits festgestellte moderate Risikoaversion bestätigen. Sie fanden aber auch heraus, dass Einkaufsmanager das Risiko selbst dann systematisch zu vermeiden versuchen, wenn ihnen dies höhere Kosten verursacht. Einkäufer sind systematisch bereit, substanzielle Preisaufschläge zum Beispiel in Form einer Second Source (Alternativlieferant) zu bezahlen, wenn diese das Ausfallrisiko minimiert. Aber gilt das für alle Einkäufer?
Die Antwort auf diese Frage lautet überraschenderweise: Nein. Es gibt große Unterschiede innerhalb der Einkaufsabteilung. Einkäufer sind nämlich deutlich risikofreudiger als ihre direkten Vorgesetzten – wenn Einkäufer und Vorgesetzte auf eigene Rechnung handeln. Anders formuliert: Vorgesetzte sind viel risikoscheuer als ihre Mitarbeiter, wenn es um ihr eigenes Geld geht. Es stellt sich die Frage, ob dieser Unterschied auch dann auftritt, wenn Einkäufer nicht auf eigene Rechnung, sondern für ihr Unternehmen handeln. Und hier kommt St. Florian ins Spiel.
Die Forscher fanden heraus: Es gibt diesen Unterschied auch, wenn es ums Geld des Unternehmens geht. Wenn Einkäufer Entscheidungen nicht für sich, sondern für ihren Vorgesetzten als Stellvertreter für das Unternehmen treffen, dann ist ihnen Jacke näher als Hose: Sie sind im Schnitt sichtbar weniger vorsichtig. Böse Zungen bezeichnen dies auch als das St. Florian-Syndrom, das auf alten Bauerhäusern manchmal noch als Inschrift zu sehen ist: „ Oh heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an!" Doch damit nicht genug. Die Forscher entdeckten noch einen weiteren interessanten Tatbestand.
Manche Finanzexperten behaupten, die Lehman-Pleite sei auf einen Mangel an Fantasie zurückgeht: Die mehrfach gebündelten faulen US-Kreditpapiere waren so weit von richtigem, realen Geld entfernt, dass selbst Bankmanager sie nicht mehr für „echtes Geld" hielten – und prompt das Risiko falsch einschätzten. So weit der Vorwurf. Er trifft nicht, wie die Forscher herausfanden; zumindest nicht im Einkauf. Die Forscher deckten auf, dass Einkaufsmanager im Schnitt sehr vor- und umsichtig agieren. Und zwar auch dann, wenn sie Entscheidungen für ihr Unternehmen treffen, die nicht reale Zahlungen nach sich ziehen. Einkäufer sind also sehr gut in der Lage, zu abstrahieren und hypothetische Szenarien durchzuspielen, ohne das Risiko falsch einzuschätzen. Können das alle Einkäufer? In allen Ländern? Und Männer wie Frauen?
Sind die angeblich steifen Briten vorsichtiger als zum Beispiel Amerikaner mit ihrer angeblichen Cowboy-Mentalität? Keine Spur! Die Forscher fanden in ihrem Experiment keinerlei kulturelle Unterschiede in der Risikoneigung. Aber dann sind zumindest die chronisch als Chauvis stigmatisierten männlichen Manager im Vergleich zu weiblichen Führungskräften die größeren Spieler? Leider auch ein statistisch signifikantes Nein. Im Business herrscht Gleichberechtigung – zumindest in diesem Punkt. Witzige Abweichung: Verheiratete Führungskräfte sind – was raten Sie? richtig! – Verheiratete Führungskräfte sind stärker risikoavers als Singles. Das gilt noch stärker für Führungskräfte mit Kindern.
Die Faktoren der Risikoneigung
Enttäuscht werden Akademiker sein: Das Bildungsniveau eines Managers hat keinen erkennbaren Einfluss auf seine Risk Attitude. Dasselbe gilt erstaunlicherweise für das Einkommen: Gehalt spielte in diesem Experiment keine Rolle. Auch die Branche, die Hierarchieebene und seltsamerweise selbst Boni. Was hat das alles zu bedeuten?
In Krisen sind mal wieder die Manager mit ihrer überzogenen Risikoneigung schuld. Wenn die Supply Chain wackelt und Lieferanten sterben, dann sind die Einkäufer mit ihrer risikoblinden Portfolio-Politik schuld. Das alles sind Märchen. Wir sollten das tatsächliche Risikoverhalten unserer Manager kennen und ergründen lernen. Genau das tat das Experiment. Denn nur dann, wenn die Risikoneigung des Managers transparent ist, ist ein souveränes Risk Management überhaupt denkbar: Jedes Instrument ist nur so gut, wie der Manager, der es anwendet.
Richard Pibernik Sebastian Moritz
Ohne Titel
Die Risiko-Studie auf einen Blick
1. Manager im Einkauf sind alles in allem leicht risikoavers, also dem Risiko eher abgeneigt. Es bestehen aber Unterschiede im Detail.
2. Manager beurteilen Risiken abhängig von einem individuellen Referenzpunkt (zum Beispiel ihrem Budget).
· Sie verhalten sich nur risikoavers, wenn sie sich nicht sicher sein können, dass sie zum Beispiel innerhalb ihres Budgets bleiben.
· Sie sind aber risikofreudig, wenn sie sicher sind, dass zum Beispiel das Budget ausreichen wird.
3. Manager treffen ähnliche Entscheidungen unabhängig davon, ob es sich um hypothetische oder reale Zahlungen handelt.
4. Manager im Einkauf unterscheiden sich in der Risikoneigung nicht von anderen Managern.
