- Das individuelle Verhalten in einer Situation entscheidet darüber, ob sich die Situation positiv oder negativ entwickelt. Wer als Führungskraft etwas bewirken will, könnte sich das Leben ganz erheblich erleichtern, würde sie oder er mit einem wirklich bewussten Verhalten zu punkten versuchen. Was aber verbirgt sich hinter der Forderung nach einem „wirklich bewussten Verhalten"?
Selbsterkenntnis ist der beste Karrierehelfer
Selbsterkenntnis ist „ein wenig Wissen darüber, warum ich mich wie verhalte, welche ‚Mechanismen‘ hinter meinem Verhalten stecken und mich sozusagen mit steuern", sagt der Zürcher Entwicklungspsychologe und psychologische Berater Professor Jürg Frick. Wer wisse, „wie er tickt und warum er so tickt, wie er nun mal tickt, hat in jedem Fall und in jeder Lebenssituation einen nicht unerheblichen Vorteil anderen gegenüber."
Das in einer Situation gezeigte Verhalten, erläutert Frick, „ entsteht nicht ausschließlich spontan aus der Situation. Daran wirken eine ganze Reihe von Mechanismen hinter den Kulissen mit." Den Unterschied zwischen einem wirklich überzeugenden, situativ klugen und einem seminarmäßig antrainierten Verhalten den mache eben das Wissen darüber aus, welches Räderwerk in einem ineinander greife und dadurch ganz bestimmte Verhaltensweisen erzeuge. Und deshalb ist Frick überzeugt: „Wer versucht herauszufinden, was die eigenen Reaktionsweisen steuert, kann entsprechend an sich arbeiten und erweist sich damit selber einen großen Dienst."
In ein und derselben Situation haben Menschen oft völlig unterschiedliche Gefühle. Die einen schäumen innerlich (und manchmal auch äußerlich), wenn die „lieben Kollegen" sich mal wieder im Ton vergriffen oder etwas versaubeutelt haben, die anderen lächeln und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Der eine Vorgesetzte gerät regelmäßig in Wallung und wertet es als Majestätsbeleidigung, wenn seine Mitarbeiter durchblicken lassen, dass sie auch eine eigene Meinung von den Dingen haben, der andere erkennt darin seine überlegenen Führungskünste und fühlt sich bestätigt.
Doch nicht genug damit. Menschen reagieren auch zu verschiedenen Zeiten auf ein gleiches Ereignis ungemein unterschiedlich. Kommt beispielsweise am Arbeitsplatz der geplante Tagesablauf durcheinander, dann hängt es in aller Regel von der momentanen nervlichen Verfassung ab, wie darauf reagiert wird. Ganz charakteristisch dafür die folgende Aussage: „Bin ich gut drauf, dann bin ich gelassen, dann lasse ich alles an mich herankommen. Aber bin ich angespannt und nervös, dann reagiere ich mit Erregung, Unsicherheit und Angst." Es hängt also auch von dem augenblicklichen Gestimmtsein ab, wie worauf reagiert, was oder wer als angenehm oder weniger angenehm empfunden wird.
Von Gefühlen mithin, die nicht von „den anderen" hervorgerufen werden, sondern die einen inneren Zustand spiegeln, ist charakteristisch die Selbsterkenntnis „Heute bin ich aber mit dem linken Fuß aufgestanden!". „Verantwortlich" dafür ist beispielsweise die „Körperchemie", also biochemisch-hormonelle Vorgänge, die unser Fühlen und Verhalten beeinflussen.
Viel zu wenigen ist das im alltäglichen Auf und Ab der Empfindungen bewusst. Die Forschung kommt diesen Zusammenhängen immer mehr auf die Spur. Abweichungen vom normalen Stoffwechselgeschehen, ausgelöst durch tages- und jahreszeitliche Rhythmen, Schlafmangel, individuell wenig bekömmliches Essen und Trinken, Bewegungsmangel beispielsweise können unsere psychische Verfassung spürbar beeinflussen. Zum anderen aber auch im Untergrund rumorende, unverarbeitete, verdrängte, ungelöste Probleme und Erfahrungen, die auch schon länger zurückliegen können.
„Die anderen" und die von ihnen beeinflussten Arbeitsumstände sind nicht gänzlich unbedeutend für unseren Gefühlshaushalt. Aber: Wie wir auf andere reagieren, das hängt ganz wesentlich von unserer Stimmung ab. Soll heißen, dem ausgedehnten emotionalen Zustand, der sowohl die Lebensauffassung einer Person als auch ihr Auftreten für eine gewisse Zeit bestimmen kann.
Das führt zu einem weiteren wichtigen Faktor im menschlichen Verhalten, unserem Agieren beziehungsweise Reagieren: Wie wir das Geschehen um uns herum, wie wir „die anderen" und „die Umstände" wahrnehmen, wie wir sie bewerten. Sehen wir „die anderen" oder „ die Umstände" als für uns bedrohlich an, dann spüren wir Spannung und ungute Gefühle. Fällt die Bewertung umgekehrt aus, fühlen wir uns oft nicht nur erleichtert und entspannt, sondern förmlich beflügelt, angespornt.
Und wir bewerten fortlaufend alles um uns herum. Meist automatisch, ohne großes, langes Nachdenken. Unbewusst also. Und was das Empfinden und Erleben im Berufsalltag noch ein wenig komplexer macht, wir bewerten nicht allein „nach außen"! Wichtiger noch ist unsere Bewertung „nach innen"!
Sich selbst als positiv wahrnehmen
Für die Reaktion auf „die anderen" und „die Umstände" ist es von höchster Bedeutung, wie wir uns selbst sehen und einschätzen. Diese Selbstbewertung beeinflusst uns enorm. Stufen wir uns als eher schwach, unfähig, voller Fehler, tendenziell als Unterlegene und Versager ein, dann haben wir wenig gute Gefühle in und zu uns. Und damit keine gute Basis für einen souveränen Umgang mit dem, womit wir konfrontiert sind.
Nehmen wir uns aber trotz einiger augenzwinkernd eingestandenen Schwächen als liebenswert, tüchtig und wertvoll wahr, dann tragen auch unsere Gefühle diese helle Farbe. Und entsprechend innerlich ruhiger, unverkrampfter, gelassener treten wir den anderen und den Umständen gegenüber. Bewerten wir uns selbst als kompetent, leistungsfähig und tüchtig, dann sehen wir alles tendenziell als viel weniger schwierig an, dann trifft uns eine Kritik oder, so eine häufig gehörte Bemerkung, „ein saublödes Verhalten" viel weniger. Sehen wir uns aber eher als Underdogs und fühlen wir uns unsicher, dann „werden an sich selbst einfache Situationen schwierig, man fühlt sich ausgeliefert, ist ständig irgendwie gereizt, neigt zum Überreagieren."
Wie kommt es zu diesen so unterschiedlichen Bewertungen? „ Mitspieler" dabei sind Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, Bewertungen, die wir von anderen übernehmen, unser Wissensstand, aber auch Informationen von anderen, aus Büchern, der Presse, von Weiterbildungsmaßnahmen.
Und natürlich Erfahrungen, die wir mit uns selbst gemacht haben. Haben wir uns tendenziell als kraftvoll, zupackend, bewältigungsfähig und geschätzt erfahren, leben wir aus dem Bewusstsein heraus, dass wir uns in menschlich wie sachlich schwierigen Situationen bewährt haben, dann bewerten wir uns eher positiv und zuversichtlich. Und agieren und reagieren selbstverständlich auch entsprechend. Erleben wir uns in alltäglichen Situationen aber genau gegenteilig, dann bewerten wir uns nicht nur ungünstig, dann verhalten wir uns auch unsicherer. Was oft zu einem wenig glücklichen Verhalten anderen gegenüber führt. Aber auch zu leichterer Entflammbarkeit bis hin zu verhaltensmäßigen Entgleisungen.
Nicht minder bedeutsam für unsere Selbstbewertung ist die Bewertung durch andere. Haben uns Eltern, Lehrer, Professoren, Ausbilder oder Vorgesetzte ungünstig bewertet und neigen wir dazu, ungünstige Bewertungen anderer über uns quasi automatisiert anzunehmen, dann drückt das auf unser Selbstbild.
So weit, so aufschlussreich. Doch die ganze Wahrheit ist das noch immer nicht. Das ist sozusagen erst das „oberirdische" Verhaltensgebäude. Darunter gibt es noch ein „Fundament", das unser Verhalten in gewisser Weise vorsteuert. Niemand kommt als weißes, unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Auch der Mensch wird mit einer bestimmten, sein Empfinden und Verhalten vorzeichnenden Grundausstattung geboren, als Persönlichkeit.
Ein wesentliches Merkmal darunter ist das Temperament, also die biologisch gegebene typische Reaktionsweise, die sich schon bei oder kurz nach der Geburt zeigt und sich vor allem in der Emotionalität und im Aktionsniveau äußert. Kurz, in dem, was gemeinhin auch als Charakter bezeichnet wird. Dieser Begriff ist gleichbedeutend mit Persönlichkeit, wenn er benutzt wird, um auf das gesamte Muster regelmäßig wiederkehrender Verhaltensweisen einer Person zu verweisen. Wird er hingegen zur Bewertung der Qualität der Persönlichkeit benutzt, so drückt er ein Urteil über beispielsweise die Moral, die Werte und andere Attribute der Person aus.
Niemand ist sein eigener Sklave
Allerdings: Nach derzeitigem Stand der Erkenntnis und Einschätzung ist niemand dazu verdammt, ein Leben lang ausschließlich in der von der biologischen Grundausstattung vorgezeichneten Verhaltensspur zu laufen. Niemand ist sein eigener Sklave. Es sei denn, er macht sich durch die Missachtung der einzigartigen menschlichen Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die es ermöglicht, die eigenen Weisen des Empfindens und Verhaltens zu erfassen und ihnen eine andere Ausprägung zu geben, dazu. Den Gründen für die eigenen Verhaltensweisen auf die Spur zu kommen, das ist ein beachtliches Stück tagtäglich neu zu leistender Arbeit. Doch sie zahlt sich aus.
Wer klug ist, nutzt diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Sie ist nach außen mit die beste Maßnahme, um den eigenen Berufserfolg zu fördern und darüber hinaus auch eine Wohltat für das Arbeitsklima und den Betriebsfrieden. Und nach innen schützt sie vor unsinniger Kräfteverschwendung durch vermeidbare Misserfolgserlebnisse und trägt viel dazu bei, sich selbst zu stabilisieren und sich vor dem permanenten Auslenken durch „die anderen" zu bewahren. Dadurch sorgt Selbsterkenntnis für eine persönliche, psycho-mentale Kräftereserve, die in der unablässig anforderungs- und konkurrenzintensiver werdenden Berufswelt nicht hoch genug veranschlagt werden kann.
Hartmut Volk
