- Rund drei Monate vor der Swisstech mehren sich die Signale, dass der wirtschaftliche Aufschwung auch bei der Schweizer Zulieferindustrie angekommen ist. Die Unternehmen profitieren von regionalen und branchenbezogenen Netzwerken sowie davon, sich mit wachem Innovationsgeist auf technologische Nischen spezialisiert zu haben.
Mit Innovationsgeist aus der Krise
Gleich zweimal gab es Anfang des Jahres Grund zum Feiern bei der Georg Fischer Automotive AG in Schaffhausen: Zum einen verlieh Knorr-Bremse dem Unternehmen die Auszeichnung als bester Lieferant des Jahres 2009 in der Sparte Guss, zum anderen räumten die Schweizer beim Internationalen Aluminium-Druckguss-Wettbe-werb ab und gewannen den 1. Preis in der Kategorie „Strukturteile" – für den Türrahmen des Porsche Panamera.
Laut Vontobel-Analyst Fabian Häcki gilt der Produzent hochwertiger Gussteile als erste Wahl bei deutschen Premium-Herstellern. So stellt GF Automotive auch beim Audi A5 unter Beweis, was das Gießen ermöglicht: hochkomplexe, leichte Bauteile mit vielfältigen Funktionen auf engem Raum. Audi nutzt die Fähigkeiten von GF zur Entwicklung und Produktion solcher Bauteile bereits seit Jahren.
Vom Aufschwung der Automobilbranche nach dem Krisenjahr 2009 könnten Zulieferer aus der Schweiz stärker profitieren als die Konkurrenz in anderen Ländern. Da es zwischen Basel und Bellinzona nie bedeutende Pkw-Hersteller gab, ist die Zuliefererindustrie des Landes anders aufgestellt als beispielsweise in Deutschland. So besetzt ein großer Teil der rund 250 Schweizer Zulieferer technologische Nischen, anstatt Massenteile zu produzieren. Mit einem jährlichen Umsatz von mehr als 15 Mrd. CHF (knapp 11 Mrd. Euro) liegt die Branche auf Augenhöhe mit der einheimischen Uhrenindustrie.
Die Spezialisierung kommt auch in anderen Bereichen zum Ausdruck, beispielsweise in der Medizintechnik: Mit insgesamt 3720 Betrieben verfügt die Schweiz in Europa über die größte Dichte an Medtech-Unternehmen pro Kopf. Zwischen 2001 und 2008 haben sich die Umsätze der Hersteller mehr als verdoppelt – auf knapp 23 Mrd. CHF (16,8 Mrd. Euro). Das Wachstum ist vor allem durch den Export getrieben. So erwirtschaften die Unternehmen gut 90 Prozent ihrer Umsätze über die Ausfuhren. „Wegen ihrer hohen Qualität und Innovation sind unsere Medtech-Produkte aus der Schweiz im Ausland sehr gefragt", erklärt Dr. Melchior Buchs, Generalsekretär des Dachverbandes der Schweizerischen Handels- und Industrievereinigungen der Medizinaltechnik (Fasmed). Die Innovationskraft der Branche lässt sich auch statistisch belegen: Laut dem Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum melden Schweizer Unternehmen mittlerweile jährlich über 1200 medizintechnische Erfindungen im In- und Ausland zum Patent an.
Unterstützung erhalten viele Betriebe im Medical Cluster, der Hersteller, Zulieferer, Dienstleistungs- sowie Forschungs- und Entwicklungsunternehmen vereint. Heute zählt der Verein über 250 Mitglieder und kümmert sich unter anderem um die Förderung des Innovationsprozesses entlang der Wertschöpfungskette, die Optimierung des Wissens- und Technologietransfers, die Ausdehnung der Aus- und Weiterbildungsangebote sowie die Unterstützung für innovative, junge Unternehmen.
Obwohl die Schweiz auf nationaler Ebene keine Clusterförderung betreibt, haben sich in vielen Branchen und Regionen Netzwerkstrukturen gebildet. So findet die Luft-, Raumfahrt-, Satellitennavigations- und Zuliefererindustrie im ClusterAviatik.ch eine Heimat. Unternehmen der Produktionstechnologie mit hoher Exportquote haben sich vor allem in der Region Es- pace Mittelland sowie in der Ost- und Zentralschweiz angesiedelt, die chemische Industrie in der Nordwestschweiz. Und AutoCluster.ch bildet ein Netzwerk der Schweizer Zulieferer für die Automobilindustrie. Treffpunkt für alle wird vom 16. bis 19. November die Messe Basel sein. Dort präsentieren sich die Schweizer Zulieferer auf der Fachmesse Swisstech den internationalen Einkaufsverantwortlichen. Experten wie Rolf Jaus sind guten Mutes: „Aus dem Purchasing Managers' Index ist ersichtlich, dass Aufträge und Beschäftigungen wieder die Wachstumszone erreichen", sagt der Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Materialwirtschaft und Einkauf (SVME). Im Vorfeld der Messe schätze er die Wirtschaftslage wieder positiver ein. „Gerade in den letzten Wochen konnten wir eine Zunahme von Aufträgen feststellen, eine Erholung der Wirtschaftslage in unserer Branche zeichnet sich deutlich ab", bestätigt Robert Z. Welna, Geschäftsführer von Swissmechanic, dem Schweizer Verband für die mechanisch-technischen und elektrotechnischen Unternehmen. Die Betriebe hätten die Krise vor allem 2009 stark gespürt.
Partnerland der diesjährigen Swisstech ist übrigens Baden-Württemberg, das von allen deutschen Bundesländern zu den wichtigsten Lieferanten und zu den bedeutendsten Abnehmern der Schweiz zählt. Überhaupt: Deutschland liegt unangefochten auf Rang eins unter den Schweizer Handelspartnern. Rund ein Drittel aller Importe stammt aus Deutschland, dorthin ausgeführt werden 19,5 Prozent aller Schweizer Exporte – im vergangenen Jahr im Gesamtwert von 23,9 Mrd. Euro. Zu den wichtigsten eidgenössischen Ausfuhrgütern gehören chemische Erzeugnisse wie Kunststoffe und Arzneimittel, Maschinen, Präzisionsinstrumente und Uhren sowie Metalle und Agrarprodukte.
Die Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest (gtai) prognostiziert unserem Nachbarland für dieses und das kommende Jahr ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,5 und 2 Prozent. Die Exportwirtschaft habe Ende des 3. Quartals 2009 die Talsohle durchschritten und in den ersten vier Monaten 2010 sei der Warenexport schon wieder um fünf Prozent gegenüber dem Vergleichswert des Vorjahres gestiegen. Sieben der zehn großen Branchen lagen im Plus, allen voran Metall, Uhren und Chemie. Ein Grund zum Feiern ist das sicher noch nicht. Aber den Sekt kann man sicher schon mal kalt stellen.
Swisstech 2010 – Das Wichtigste in Kürze: Dienstag, 16. bis Freitag, 19. November Ort: Messe Basel, Halle 2 Veranstalterin: MCH Messe Schweiz AG www.swisstech2010.com
Jens-Peter Knauer Journalist in Waldenbuch
