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Michael Grubbert, Vice President Procurement, Centrotherm Photovoltaics AG, Blaubeuren

„Der Einkauf muss durch Leistung überzeugen"

Michael Grubbert
Michael Grubbert
Wer im beschaulichen Blaubeuren die Centrotherm Photovoltaics AG besucht, sieht auf den ersten Blick, wie das Unternehmen stetig wächst. Da gilt es, auch im Lieferantenmanagement besondere Herausforderungen zu meistern. Michael Grubbert, der den Einkauf verantwortet, erläutert im Gespräch mit Chefredakteur Daniel Zabota, wie das geht.

Beschaffung aktuell: Herr Grubbert, das Einzige, was in den vergangenen Monaten Konjunktur hatte, waren Themen wie „Sourcing in a Downturn" – also der Einkauf in einem kriselnden Unternehmen. Centrotherm Photovoltaics sorgt hier für Abwechslung: Der Umsatz ist 2009 um rund 36 Prozent gestiegen. Was bedeutet das für den Einkauf?

Michael Grubbert: Wir hatten 2009 ein aufregendes und spannendes Jahr. Die konjunkturelle Lage und der Rückgang der Einspeisevergütungen in zwei wichtigen Märkten – Deutschland und 2008 Spanien – verursachten kurzzeitig eine sinkende Nachfrage nach Solarmodulen. Voriges Jahr stellten wir beispielsweise nur zehn Frontend-Anlagen pro Monat fertig. Weil durch unseren ständigen technologischen Fortschritt die Preise für die Zellen und Module jährlich um bis zu 25 Prozent sinken, rechnet sich die Investition in die Photovoltaik dennoch wieder. Zusammen mit der sich erholenden Konjunktur bescherte uns das zum Jahresende einen erneut steigenden Auftragseingang. Inzwischen verlassen jeden Monat etwa 25 bis 30 Frontend-Anlagen zur Herstellung von Solarzellen unsere Hallen. Um hier die Materialversorgung zu sichern, haben wir bei unseren Lieferanten Ende 2009 einfach Höchstmengen bestellt. Das ist eine Herausforderung für deren Lieferfähigkeit. Bezüglich der Skaleneffekte reicht uns das aber noch nicht. Wir müssen zusätzlich Kosten optimieren, damit unsere Kunden wettbewerbsfähig produzieren können.

Beschaffung aktuell: Wenn es Centrotherm Photovoltaics gut geht, gilt das noch lange nicht für die Lieferanten. Wie gehen Sie mit Insolvenzrisiken um?

Grubbert: Wir unterziehen alle unsere Lieferanten einem Screening. Dennoch reicht es nicht, deren EBIT und GuV im Auge zu behalten. Wir haben sehr viele Lieferanten besucht. Denn einige haben aufgrund unserer Bestellungen massiv investiert. Zwölf von unseren zwanzig größten Lieferanten bauen ihre Kapazitäten aus. Einen haben wir von drei auf 30 Mio. Euro Umsatz gebracht. Das bedeutet, dass wir auch in schlechten Zeiten zu den Lieferanten stehen müssen.

Beschaffung aktuell: Angenommen, Ihre Lieferanten hätten Kapazitäten frei, hilft Ihnen das bei der Preisverhandlung?

Grubbert: Mit den jährlich anstehenden Verhandlungen um Preise und Rahmenverträge können wir noch nicht das Optimum erzielen. Zusätzlich bringt uns das so genannte „Performance Plus Programm" voran, mit dem wir die Lieferanten in unsere Produktentwicklung integrieren.

Beschaffung aktuell: Nimmt der Einkauf am Wachstum von Centrotherm teil – im Sinne von Abteilungsgröße?

Grubbert: Im Prinzip ja, allerdings nicht linear. Centrotherm Photovoltaics ist in nur drei Jahren von einem mittelständischen Unternehmen mit knapp 300 Beschäftigten zum börsennotierten Konzern mit weit über 1200 Beschäftigten geworden.

Beschaffung aktuell: Andere bauen Personal auch im Einkauf ab. Gibt es wieder mehr Einkäufer auf dem Arbeitsmarkt?

Grubbert: Nein, wir suchen kontinuierlich Leute. Derzeit zum Beispiel einen Gruppenleiter für den indirekten Einkauf, einen Leiter für das Lieferantenentwicklungsteam und einen Projekteinkäufer. Wir versuchen zwar auch selbst, junge Wirtschaftsingenieure für den Einkauf zu qualifizieren, doch das dauert zwei bis drei Jahre. Die Zeit habe ich meist nicht. Ich brauche sozusagen „fertige" Leute. Den Einkauf von Produktionsmaterial im Wert von mehr als 150 Mio. Euro, den Maschineneinkauf für mehr als 200 Mio. Euro, das Innovationsmanagement oder die Beschaffung in unserem Büro in China kann ich nur einer erfahrenen Fachkraft anvertrauen.

Beschaffung aktuell: Wie groß ist der Einkauf bei Centrotherm?

Grubbert: Wir sind etwa 40 Leute, in meinem Führungsbereich, der Materialwirtschaft, etwa 100 Mitarbeiter.

Beschaffung aktuell: Wie ist Ihr Einkauf organisiert – an wen berichten Sie?

Grubbert: Ich berichte an den COO, Dr. Dirk Stenkamp, der Engineering, Materialwirtschaft, Produktion, Qualitätsmanagement und Service verantwortet.

Unsere Organisationsstruktur haben wir im Zuge des starken Wachstums ständig dynamisch angepasst. Der Bereich Materialwirtschaft, den ich verantworte, umfasst hauptsächlich den Zentraleinkauf Produktion und Bedarfe, Zentraleinkauf Equipment und die operative Disposition, Logistik, Lieferantenentwicklung sowie die Rechnungsprüfung. Um strategische Themen, zum Beispiel unsere Unternehmensakquisitionen, kümmere ich mich selbst. Für die operativen und strategischen Tätigkeiten sind die Einkaufsleiter zuständig, die an mich berichten.

Beschaffung aktuell: Für das Gesamtunternehmen sind Umsatz und EBIT die wichtigsten Kennzahlen. Und für Ihren Einkauf?

Grubbert: Zu 60 Prozent entsprechen die Einkaufziele den Konzernzielen, sind also auch auf das EBIT bezogen. Die übrigen 40 Prozent sind Kennzahlen aus dem schon genannten Value Performance Programme. Ferner achten wir auf den Anteil, den wir aus Low Cost Countries beziehen, Bestände und Herstellkosten.

Beschaffung aktuell: Sehen Sie hinsichtlich Ihrer Kennzahlen irgendwo besonderen Optimierungsbedarf?

Grubbert: Ich glaube bei uns im Einkauf finden Sie die meisten Kennzahlen..Bei mir sind es die aggregierten Kennzahlen, bei den jeweiligen Einkaufsleitern die Details. Insgesamt sollten wir dahin kommen, dass die Einkaufskennzahlen deutlich aus der GuV herauszulesen sind.

Beschaffung aktuell: Wie sehen Sie den Einkauf in zehn Jahren?

Grubbert: Da gibt es noch viel Potenzial. Was wir brauchen, ist eine Spend-Analyse, ein sogenanntes Value Stream Mapping, also die genaue Kenntnis der Wert- und Warenströme, sowie die weitere Internationalisierung. Der Einkauf muss technologisch fit sein, als Moderator zwischen allen Abteilungen wirken, also gleichzeitig stark und smart sein. Vor allem aber muss er durch Leistung überzeugen.

Beschaffung aktuell: Wie sehen Sie die Zukunft der Solarenergie in Deutschland angesichts der gerade reduzierten Einspeisevergütung?

Grubbert: Die sehe ich positiv. Die Förderungskürzungen erhöhen den Innovationsdruck. Wenn es gelingt sich diesem Anzupassen, werden wir uns noch schneller auf das eigentliche Ziel der Solarbranche zu bewegen, nämlich Strom genauso kostengünstig zu produzieren wie herkömmlichen Strom aus konventionellen Kraftwerken. Wir sprechen dabei von Netzparität. Centrotherm Photovoltaics ist gut aufgestellt, um diese Anforderungen zu meistern. Wir arbeiten kontinuierlich daran, bestehende Prozesse zu optimieren und durch Forschung und Entwicklung technologische Fortschritte zu erzielen, die sich in die Massenfertigung übertragen lassen. So erzielen wir beständig steigende Wirkungsgrade bei unseren Zellen und Modulen und verbessern unser „Time-to-Market", also die Zeit, die wir benötigen, um unsere Innovationen in neue Produkte umzusetzen. Das macht nicht nur uns selbst wettbewerbsfähig, sondern ermöglicht unseren Kunden, zu wettbewerbsfähigen Konditionen zu produzieren. Maßgeblich sind die Kosten in Euro pro Kilowatt-Peak, die wir senken. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, können wir die Hochtechnologie für die Kernprozesse der Solarmodulfertigung weiter aus Deutschland liefern.

Beschaffung aktuell: Was schätzen Sie an Beschaffung aktuell?

Grubbert: Das Magazin lese ich sehr gern. Hier erhalte ich Ideen und Anstöße für unser Geschäft und unserer Netzwerk. Wir besprechen Beiträge aus dem Heft regelmäßig in der gesamten Abteilung.

Der Einkauf muss technologisch fit sein, als Moderator zwischen allen Abteilungen wirken, also gleichzeitig stark und smart sein.

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Ohne Titel

Michael Grubbert ist gelernter Werkzeugmacher und hat bei Bosch begonnen. Dort bekleidete er verschiedene technische und kaufmännische Positionen in leitender Verantwortung und in verschiedenen Ländern. Nach einer freien Beraterzeit wurde er bei Centrotherm als Vice President Procurement eingestellt.

Die Centrotherm Photovoltaics AG, Blaubeuren, ist einer der weltweit führenden Technologie- und Equipmentanbieter für die Herstellung von Solarsilizium, von kristallinen Solarzellen und Solarmodulen und sogenannten „CIGS-Dünnschichtmodulen". Das breite Leistungsspektrum umfasst Schlüsselequipment und schlüsselfertige („Turnkey") Produktionslinien für kristalline und Dünnschicht-Solarzellen. Die Produktpalette wird durch Reaktoren und Konverter für die Herstellung von Solarsilizium ergänzt. Centrotherm Photovoltaics garantiert seinen Kunden wichtige Leistungsparameter wie Produktionskapazität, Wirkungsgrad und Fertigstellungstermin für Turnkey-Linien. Das Unternehmen ist in den vergangenen drei Jahren stetig gewachsen. Dabei stieg die Zahl der Beschäftigten von 178 (2007) auf rund 1100 (2009). Der Umsatz kletterte im selben Zeitraum von 166 auf 509 Mio. Euro (nach vorläufigen Zahlen), das EBIT von 21 auf 37 Mio. Euro (nach vorläufigen Zahlen). dz

www.centrotherm.de

03.05.2010


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