Die Zukunft gehört der Green Economy
Beschaffung aktuell: Herr Trittin, Sie waren Anfang März 2011 Schirmherr der Internationalen Konferenz zur Organisation umweltgerechter Veranstaltungen in Mainz, wie sind Sie angereist?
Jürgen Trittin: Mit dem ICE.
Beschaffung aktuell: Nun können Sie nicht immer mit der Bahn fahren – wie gehen Sie mit Flugkilometern um?
Trittin: Für meine dienstlichen Reisen leistet die Fraktion Ausgleichszahlungen an Atmosfair, für private Flugreisen zahle ich diese selbst. Atmosfair finanziert damit Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. Man zahlt immer so viel ein, dass die CO2-Emissionen, die durch die Reise verursacht werden, an anderer Stelle kompensiert werden können, zum Beispiel durch Aufforstungen.
Beschaffung aktuell: Als Politiker ist die Durchführung von Veranstaltungen sozusagen Ihr Kerngeschäft – gibt es eine Art Checkliste, die für Ihre Veranstaltungen eingehalten werden muss, damit Sie Ihren politischen Ansprüchen in punkto Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit genügt? Worauf achten Sie besonders, was ist sozusagen Mindeststandard?
Trittin: Kein Veranstalter wird, bloß weil Die Grünen für einen oder zwei Tage seine Halle mieten wollen, alle Glühlampen durch Energiesparlampen austauschen, wassersparende Toiletten einbauen oder zu einem Ökostromlieferanten wechseln. Also fängt es damit an, möglichst einen Veranstalter zu finden, der diese Maßnahmen bereits durchgeführt hat.
Dann natürlich das Catering: Produkte aus biologischem Anbau, möglichst aus der Re- gion, Mineralwasser aus einem regionalen Brunnen, Kaffee und Tee aus fairem Handel. Fleisch verursacht viel CO2-Emissionen, auch deshalb sind unsere Caterings überwiegend vegetarisch. Anreisen möchten wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln, der nächste Bahnhof sollte also nicht allzu weit entfernt und gut ans Streckennetz angebunden sein. Weiter geht es mit den Einladungen und Tagungsunterlagen: Bei uns gibt es keine Hochglanzbroschüren, wir drucken auf recyceltem Papier und benutzen Farben auf Basis natürlicher Rohstoffe. Klimaanlagen müssen die Räume nicht auf Kühlschranktemperatur herunterkühlen, wenn draußen Hochsommer ist – umgekehrt brauchen wir keine Saunatemperaturen im tiefsten Winter.
Beschaffung aktuell: Wo können Sie Kompromisse machen?
Trittin: Die Frage müsste eher lauten: Wo müssen wir Kompromisse machen? Ein Problem ist der nach wie vor hohe Papierverbrauch auf grünen Veranstaltungen. Zwar haben mittlerweile sehr viele Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre Laptops vor sich auf den Tischen. Das erhöht aber vor allem den Stromverbrauch und senkt den Papierverbrauch nicht signifikant. Der Kompromiss lautet dann eben, Recyclingpapier zu benutzen, den Papiermüll umweltfreundlich zu entsorgen – und darauf zu setzen, dass sich die elektronische Form der Tagungsunterlagen immer mehr durchsetzt.
Beschaffung aktuell: Wie messen – und optimieren – Sie beispielsweise die Umweltverträglichkeit von Parteitagen?
Trittin: Uns ist bei sämtlichen Veranstaltungen daran gelegen, sie möglichst umweltverträglich zu gestalten. Das gilt für Parteitage, die von der Bundesgeschäftsstelle organisiert werden, genauso wie für Fraktionsklausuren oder Fachtagungen, die wir als Fraktion durchführen. Wir versuchen bei jeder Veranstaltung einfach möglichst viel von den Kriterien, die ich oben genannt habe, umzusetzen.
Beschaffung aktuell: Könnten Unternehmen das Vorgehen des Bündnis 90/Die Grünen für Ihre Veranstaltungen übernehmen?
Trittin: Warum nicht? Für immer mehr Unternehmen ist der nachhaltige Umgang mit Ressourcen ja ein Qualitätskriterium, mit dem sie für sich werben. Nachhaltige Veranstaltungen durchzuführen, kann sehr positiv für's Image sein. Es spricht sich herum, wenn eine Veranstaltung nicht nur inhaltlich, sondern auch vom „Drumherum" her einen nachhaltig positiven Eindruck hinterlassen hat.
Beschaffung aktuell: Ist das dann teurer als „Meeting as usual" ?
Trittin: Nicht unbedingt. Drei Beispiele: Wenn man beim Essen auf kurze Transportwege und Saisonware achtet, also regionale Produkte bezieht, ist Bioware nicht sehr viel teurer als konventionelle. Broschüren aus Recyclingmaterial sind deutlich günstiger als Hochglanzprospekte. Heizungen und Klimaanlagen nicht auf Maximum zu drehen, spart auch Energie und Kosten.
Beschaffung aktuell: Was antworten Sie Kritikern auf den Vorwurf, mit grünen Maßnahmen die Wirtschaft kaputtmachen oder kaputtsparen zu wollen? Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ausgleichszahlungen für Flugkilometer, Atomausstieg...?
Trittin: Dass sie vielleicht noch nicht so richtig im 21. Jahrhundert angekommen sind. Die Zeiten, in denen Atomstrom und unbeschränkter Energieverbrauch beim Autofahren en vogue waren, sind vorbei. Die Zukunft gehört der Green Economy. Schon heute arbeiten allein in der Erneuerbare-Energien-Branche in Deutschland mehr als zehnmal so viele Menschen wie in der Atomindustrie. Die deutsche Autoindustrie hat begriffen, dass sie ihre hervorragende Stellung im Premiumsegment nur behält, wenn sie sparsame Autos mit neuen Antriebsformen baut. Gerade unsere deutsche Wirtschaft, die noch immer den Ruf hat, Produkte für höchste Qualitätsansprüche herstellen zu können, kann sehr von der Green Economy profitieren. Klasse statt Masse – das hat Zukunft.
Beschaffung aktuell: Nach landläufiger Meinung ist alles, was den schonenden Umgang mit unseren Ressourcen möglich macht, teurer als einfach wie gewohnt zu handeln – ist das so?
Trittin: Ich widerspreche Ihnen, dass das die landläufige Meinung sei. Meine Erfahrung ist, dass immer mehr Menschen begreifen: Wenn wir einfach so weitermachen wie immer, wenn wir sorglos mit Ressourcen und dem Klima umgehen, werden die Folgekosten gigantisch sein. Wir erleben das doch schon heute: Die 950 Naturkatastrophen des vergangenen Jahres – 90 Prozent davon waren wetterbedingt, unter anderem hatten wir die schwerste Hurrikansaison der vergangenen 100 Jahre – haben weltweit Schäden in Höhe von 130 Milliarden Dollar verursacht. Die Zahlen stammen nicht von mir, sondern von der Munich Re, einem der weltweit größten Rückversicherer. Die sagen ganz klar: Der Klimawandel hat begonnen und das sind die ersten Auswirkungen. Damit verglichen ist es ausgesprochen preiswert, jetzt auf umweltschonende und nachhaltige Technologien umzusteigen, auch wenn die vielleicht für eine Übergangszeit etwas mehr Geld kosten. Beim Strom sind sich zum Beispiel alle Experten einig, dass der Umstieg auf die Erneuerbaren Energien mittel- und langfristig zu dauerhaft niedrigeren Preisen führen wird. Die heutigen hohen Strompreise werden – entgegen der landläufigen Meinung – nachweislich vor allem durch das Oligopol der vier großen Energieversorger verursacht, die Strom zu seit Jahren sinkenden Preisen einkaufen, diese Preisvorteile aber nicht an ihre Kunden weitergeben.
Beschaffung aktuell: Geschäftsreisen und internationale Tagungen sind Konjunkturbarometer der Weltwirtschaft und unverzichtbar. Wie könnte eine ressourcenschonende internationale Mobilität im Jahr 2025 aussehen?
Trittin: Schon heute arbeiten international tätige Unternehmen verstärkt mit Videokonferenzen und Onlinemeetings. Das ist ein Trend, der sich in dem Tempo, in dem die Technik immer besser wird, verstärken wird – nicht nur weil dadurch Ressourcen geschont werden, sondern weil es vor allem Zeit und Kosten spart, wenn die Leute nicht ständig im Flugzeug sitzen. Generell werden wir deutlich mehr Elektromobilität haben und weniger fossile Brennstoffe verbrauchen. Und wir werden neue Mobilitätskonzepte haben, einen umweltfreundlichen Mix aus verschiedenen Verkehrsträgern, die optimal aufeinander abgestimmt sind und Menschen, die privat oder beruflich reisen, schnell, sicher und ressourcenschonend von A nach B bringen.
Beschaffung aktuell: Herr Trittin, vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Karin Gramatins.
